Blick auf die Landeshauptstadt Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern

Weite Wege zur Apotheke in Mecklenburg-Vorpommern

Weite Wege zur Apotheke sind in Mecklenburg-Vorpommern für viele Menschen Alltag. Eine Studie im Auftrag der ABDA kommt zu dem Ergebnis, dass nirgends in Deutschland ein so großer Anteil der Bevölkerung mehr als sechs Kilometer bis zur nächsten Apotheke hat wie im Nordosten. Gleichzeitig sagt eine Auswertung der Barmer, die Versorgung sei gesichert. Beides lässt sich belegen, nur der Blickwinkel ist ein anderer.

Auf einen Blick

  • Laut ABDA-Studie leben in Mecklenburg-Vorpommern 339.000 Menschen (21,7 Prozent) in einer schwach versorgten Region, also mehr als sechs Kilometer von der nächsten Apotheke entfernt. Bundesweit sind es 4,9 Prozent.
  • Die Barmer meldet für das Land: Rund vier von fünf Menschen wohnen weniger als sechs Kilometer von einer Apotheke entfernt, 63 Prozent sogar unter zwei Kilometern.
  • Ende 2025 gab es 351 Apotheken im Land, davon 89 Filialen. 2010 waren es noch 411.
  • Im zweiten Quartal 2026 verzeichnete die Pharmazeutische Zeitung für MV keine Schließung und eine Neueröffnung (Stand 30. Juni 2026: 351 Apotheken).

Wie viele Apotheken gibt es in Mecklenburg-Vorpommern?

Den Ausgangspunkt für dieses Thema liefert der Nordkurier. Die Zeitung berichtete Ende Juli 2026 über die Apothekenversorgung im Nordosten und fasst die Entwicklung in wenigen Zahlen zusammen: 2010 gab es im Land 411 Apotheken, 2020 waren es 399, Ende 2025 noch 351. Von diesen 351 Betrieben sind 89 Filialen. In 15 Jahren sind damit 60 Apotheken weggefallen.

Wie ein Land mit dieser Entwicklung dasteht, hängt vom Maßstab ab. Je 100.000 Einwohner kommt Mecklenburg-Vorpommern laut ABDA-Zahlen auf rund 22 Apotheken. Der Nordkurier nennt zum Vergleich Thüringen mit 23 sowie Sachsen-Anhalt und das Saarland mit jeweils 25. Wie weit du tatsächlich bis zur nächsten Apotheke hast, sagt diese Dichte in einem dünn besiedelten Flächenland aber nur bedingt aus.

Aktuell zeigt sich ein ungewöhnliches Bild: Nach der Abfrage der Pharmazeutischen Zeitung bei den Kammern gab es im zweiten Quartal 2026 in MV keine Schließung und eine Neueröffnung, der Bestand lag damit bei 351. Laut PZ ist MV unter den erfassten Ländern das einzige, in dem die Zahl der Apotheken in diesem Quartal gestiegen ist. Die PZ weist allerdings selbst darauf hin, dass zum Redaktionsschluss nicht aus allen Ländern Zahlen vorlagen. Ein Quartal macht noch keinen Trend: Im ersten Quartal 2026 hatte die PZ für MV noch eine Schließung ohne Neueröffnung gemeldet (350 Apotheken am 31. März).

Was sagt die ABDA-Studie zu den weiten Wegen?

Die Zahl der Apotheken sagt noch nichts darüber, wie weit du bis zur nächsten laufen oder fahren musst. Genau das hat die ILS Research gGmbH im Auftrag der ABDA untersucht. Veröffentlicht wurde die Studie im Juni 2026. Bundesweit leben demnach mehr als 4 Millionen Menschen, also 4,9 Prozent der 82,6 Millionen Einwohner, in einer schwach versorgten Region. Gemeint ist: Sie haben mehr als sechs Kilometer bis zur nächsten Apotheke.

In Mecklenburg-Vorpommern betrifft das 339.000 Menschen oder 21,7 Prozent der Bevölkerung. Das ist der höchste Anteil aller Länder. Auf Platz zwei folgt laut Nordkurier Brandenburg mit 13,7 Prozent, auf Platz drei Thüringen mit 10,6 Prozent. In absoluten Zahlen trifft es Bayern am stärksten, dort sind es knapp 900.000 Menschen.

Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Hans-Peter Hubmann, ordnet das so ein: Insgesamt sei die Versorgung gut, die regionalen Unterschiede seien aber deutlich. In Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen gebe es viele „isolierte“ Apotheken, die eine ganze Region allein versorgen. Fällt eine davon weg, werden die Wege laut Hubmann deutlich länger. In den Stadtstaaten spielt dieses Problem dagegen kaum eine Rolle. Du solltest bei der Studie im Kopf behalten, wer sie in Auftrag gegeben hat: Die ABDA ist die Standesvertretung der Apothekerschaft und verknüpft die Ergebnisse mit der Forderung nach einer dauerhaft besseren Vergütung.

Warum kommt die Barmer zu einem anderen Schluss?

Die Barmer hat sich dasselbe Thema mit eigener Methode angesehen. Ihr Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg) wertete Geodaten zu Wegstrecken und Apothekenstandorten zusammen mit Bevölkerungsdaten aus. Bundesweit erreichen demnach 78 Prozent der Menschen eine Apotheke innerhalb von zwei Kilometern und 96 Prozent innerhalb von sechs Kilometern. In Städten brauchen 1 Prozent der Menschen mehr als sechs Kilometer, im ländlichen Raum 11 Prozent.

Für Mecklenburg-Vorpommern meldet die Barmer-Landesvertretung laut dpa-Bericht: Vier von fünf Einwohnern wohnen weniger als sechs Kilometer von der nächsten Apotheke entfernt, 63 Prozent weniger als zwei Kilometer, nur 4 Prozent zehn Kilometer oder mehr. Die Versorgung vor Ort sei trotz sinkender Apothekenzahl gesichert, die Wege seien „akzeptabel geblieben“. Rechnerisch passt das zur ABDA-Studie: Wenn gut 20 Prozent mehr als sechs Kilometer haben, bleiben knapp 80 Prozent darunter. Der Unterschied liegt in der Bewertung, nicht in den Grundzahlen. Die Methoden beider Studien sind nicht identisch, ein direkter Zahlenvergleich ist deshalb nur mit Vorsicht möglich.

Auffällig ist ein weiterer Barmer-Wert: Mecklenburg-Vorpommern hat bundesweit die niedrigste Apothekendichte im Sinn der Studie, nämlich im Schnitt 7,6 Apotheken im Radius von sechs Kilometern um einen Ort. Die Barmer lehnt pauschale politische Fördermaßnahmen ab und möchte Hilfe auf den tatsächlichen Versorgungsbedarf vor Ort ausrichten.

Stadt, Umland, Fläche: Wie unterschiedlich ist die Lage im Land?

Der Landesschnitt versteckt große Unterschiede. Der Nordkurier gibt die durchschnittliche Zahl der Apotheken im Sechs-Kilometer-Umkreis für einzelne Regionen an: In Schwerin sind es 17,2, in der Hansestadt Rostock 23,9, im Landkreis Rostock aber nur 3,7 und in Ludwigslust-Parchim 2,1. Wer in den Städten wohnt, hat also mehrere Apotheken zur Auswahl. Im ländlichen Raum kann dagegen schon eine einzige Apotheke für ein weites Gebiet zuständig sein.

Die Barmer hat auch durchgespielt, was weitere Schließungen bedeuten würden. Laut Nordkurier hätte bei 44 Prozent der Apotheken eine Schließung keine Folgen für die Wege der Kundschaft. Bei den übrigen Standorten sind jeweils unterschiedlich viele Menschen betroffen, in wenigen Fällen bis zu 10.000. Entscheidend ist also weniger, dass eine Apotheke schließt, als wo sie liegt.

Was kannst du als Patientin oder Patient tun?

Wer weit von der nächsten Apotheke entfernt wohnt, kann ein paar Dinge vorab klären. Plane Dauermedikamente rechtzeitig, sodass du nicht für ein einzelnes Präparat eine lange Strecke fahren musst. Frag in deiner Apotheke, ob ein Botendienst für dich möglich ist. Und schau dir an, welche Apotheken in deiner Umgebung liegen: Mit der Apothekensuche für Mecklenburg-Vorpommern findest du Apotheken auf der Karte, für größere Städte gibt es eigene Übersichten, etwa für Schwerin und Rostock. Bundesweit kannst du dich im ApoGuru-Verzeichnis umsehen.

Ob das zweite Quartal 2026 ein Ausreißer war oder der Beginn einer Stabilisierung, werden erst die Zahlen der kommenden Quartale zeigen. Bis dahin lohnt es sich, die eigene Versorgung im Blick zu behalten. Alle Zahlen stammen aus den unten genannten Quellen und geben den jeweils genannten Stand wieder.

Quellen und weiterführende Links